Auswirkung der Corona-Pandemie: Steigende Nachfrage nach Süßholz gefährdet Ökosysteme und Existenzgrundlagen

Ob Kräutertees, Lebensmittel, Kosmetika oder pflanzliche Medikamente – Süßholzwurzel steckt in zahlreichen Produkten des Alltags. Neu ist jedoch ein regelrechter Hype auf diese auch in der Medizin bedeutsame Wildpflanze im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Denn vor allem in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gilt der Extrakt der Süßholzwurzel – dort bekannt unter dem Namen “Gan Cao” – als wirkungsvolles Medikament, das sowohl vorbeugend als auch zur Behandlung von COVID-19-Erkrankungen eingesetzt wird.

Was zunächst positiv und hoffnungsvoll klingt, birgt allerdings große Gefahren für ganze Ökosysteme und die Lebensgrundlage vieler Menschen. Denn bedingt durch die rasch steigende Nachfrage nach Süßholz in Zeiten der Pandemie, erfolgt die Ernte dieser Wildpflanze oft ohne die Aspekte der Nachhaltigkeit und der sozialen Verträglichkeit zu beachten. Dies wird in dem Report "Sweet Dreams: Assessing opportunities and threats in Kazakhstan’s wild liquorice root trade" erläutert, den TRAFFIC, unterstützt von der AGA, zusammen mit der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK) zum Weltgesundheitstag am 07. April 2021 veröffentlicht hat.

Die zunehmend intensive und unkontrollierte Ernte wilder Süßholzpflanzen bedroht die wild wachsenden Bestände, die in den weiten Grassteppen und entlang der Flussufer in den Bergen Kasachstans wachsen. Verschärft wird die Lage durch die voranschreitende Wüstenbildung, die Veränderung natürlicher Flussläufe durch den Bau von Staumauern und die Zerstörung wilder Süßholzbestände zugunsten von Agrarland. Experten befürchten, dass die steigende kommerzielle Nachfrage nach Süßholz nicht nur dramatische Auswirkungen auf einzigartige Ökosysteme hat, sondern auch die Existenzgrundlage zahlreicher Menschen in ländlichen Gebieten bedroht, deren einzige Einkommensquelle die jährliche Ernte wilder Süßholzwurzlen ist. 

Süßholzpflanzen, deren Wurzeln (nachhaltig) geerntet wurden, benötigen 4-6 Jahre, um sich ausreichend zu erholen, bevor sie erneut genutzt werden können. Diese vorgeschriebenen Ruheperioden werden allerdings nur auf staatseigenem Land und in geschützten Gebieten erfolgreich umgesetzt. Auf privaten landwirtschaftlichen Flächen, auf denen das meiste Süßholz in Kasachstan geerntet wird, greifen diese Vorschriften nicht. Dabei enfallen gut 80 % des Landes auf diese Flächen. Hier liegen die meisten Herausforderungen und der größte Aufklärungsbedarf im Sinne der nachhaltigen Wildsammlung. 

Ein nachhaltiges Management ermöglicht die Ernte der Süßholzwurzel auch ohne dauerhafte negative Auswirkungen auf die Natur. Um die nachhaltige Nutzung wild wachsender Süßholzbestände in Kasachstan zu fördern, wird bereits in bestimmten Gebieten der FairWild Standard angewandt – ein wichtiger Beitrag für das langfristige Überleben wilder Süßholzbestände sowie sichere und faire Einkünfte für die Sammler.



Ernte der Süßholzwurzel